"Freude an einem Hund haben Sie erst, wenn Sie nicht versuchen, aus ihm einen halben Menschen zu machen. Ziehen Sie statt dessen doch einmal die Möglichkeit in Betracht, selbst zu einem halben Hund zu werden." (Edward Hoagland)

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Was ist da nur los?

Neulich fand ich in einem sozialen Netzwerk den Hilferuf eines Hundebesitzers „Hilfe, mein Hund hat mich angeknurrt, als ich ihm etwas nehmen wollte!“  Was dann folgte, ist kaum in Worte zu fassen. Dieser Satz hat einerseits unendlich viele selbst ernannte Hundeexperten auf den Plan gerufen und zugleich zum Teil einen regelrechten Shitstorm – so wird das heutzutage bezeichnet – losgetreten.

Wirklich gut gemeinte Ratschläge, die zudem auch aus Sicht der Fachwelt richtig waren, wurden regelrecht niedergeprügelt. Anders kann ich das, was ich da zu lesen bekam, gar nicht nennen. Im Verlauf der immer hitziger werdenden Diskussion verschärfte sich zudem der Umgangston unter den Kommentatoren, der Umgangston dem Hund gegenüber – also das, was Besitzer tun soll – wurde ebenfalls zunehmend rauer.

Kein einziger stellte die Frage nach dem WARUM. Niemand schien zu interessieren, warum der Hund geknurrt hat. Fakt war: Er hat geknurrt. Und damit war für viele klar, das geht nicht. Man konnte nur vor Verwunderung über so viele vermeintliche Experten und deren abstrusen Tipps den Kopf schütteln. Wie wenig gerade diese „Experten“ offensichtlich den Hund wirklich verstehen, ihn als Lebewesen anerkennen, wag ich nur zu erahnen. Das was sich im Verlauf der – tja, wie soll man das nun sachlich ausdrücken, was sich da entwickelte – „Diskussion“ zeigte, spiegelte die Einstellung vieler Menschen gegenüber Hunden bzw. Lebewesen allgemein wieder.

Wir Menschen – gut konditioniert durch die eigene Erziehung, die Schule, die Gesellschaft, die Politik,… - stülpen dieses Denken einem Lebewesen über, das von all diesen Theorien nichts weiß und dennoch sehr gut in einer Gemeinschaft leben kann, ohne dessen Mitglieder zu konditionieren.

Ein Hund wird niemals auf die „famose“ Idee kommen, durch einen Schreckreiz (Wasserflasche, Wurfschellen oder gar Schlimmeres) einem anderen Hund zu sagen, dass er etwas unterlassen soll. Ein Hund wird niemals auf die Idee kommen, mittels positiver Verstärkung einem anderen Hund zu erklären, dass er das, was er an Fressbarem gefunden hat, lieber liegen lassen soll.

Unsere Hunde ticken nicht so!

Tipps, den Hund mit einem Spritzer aus der Wasserflasche von seinem Vorhaben abzuhalten, sind direkt noch als positiv anzusehen, im Gegensatz zur Einstellung mancher Kommentatoren, die sich ebenfalls zu Wort meldeten. Diese waren der Ansicht, ihr Hund habe nicht zu knurren, er müsse sich Futter und Fressbares jederzeit vom Menschen ohne Widerworte nehmen lassen. Als Tipps kamen Aussagen wie: „Ich hätte ihm wahrscheinlich reflexartig eine geklatscht!“ oder „Dem würd ich schon erklären, dass Anknurren ein absolutes No Go ist!“ Wirklich? Das soll der Beziehung zum Hund förderlich sein? Dadurch soll er verstehen, dass wir Menschen ein Partner für ihn sind? Dass er uns Menschen Vertrauen schenken kann?

Das zeigt, wie wenig manche Menschen tatsächlich über ihren besten Freund wissen.

Dabei ist es doch nicht schwierig, Hunde zu verstehen. Sie zeigen uns doch so klar und deutlich in ihrem Verhalten, wie sie gestimmt sind, welche Bedürfnisse sie haben, was sie nicht wollen usw.

Man kann sich streiten, ob man das Knurren unterbinden soll oder nicht. Für mich ist Knurren ein Kommunikationsmittel des Hundes. Er zeigt mir damit, dass ihm eine Situation nicht geheuer ist, dass er Abstand möchte, dass er Schmerzen hat und die Berührung des Menschen nicht mag. Er zeigt damit einfach nur seine Gestimmtheit. Und das soll man unterbinden? Ihm verbieten, dass er seine Bedürfnisse zeigt?

NEIN! Hunde dürfen mitteilen, wenn ihnen etwas unangenehm ist. Und das tut Hund nun mal über die Lautäußerung Knurren, da er nicht wie wir Worte verwenden kann.

Auch bleibt immer zu fragen, aus welchem Grund mich mein Hund anknurrt. Die „Schuld“ – wenn man hier überhaupt eine Schuldfrage stellen kann – liegt nicht auf Seiten des Hundes. Er knurrt nicht grundlos. ICH als Mensch muss überlegen, was ICH falsch gemacht habe. Habe ich ihn bedrängt, hab ich ihm (ungewollt) Schmerzen zugefügt oder Angst gemacht, usw.?

Einem Hund während des Fressens Futter wegzunehmen empfinde ich schon als sehr dreist. Wie würde man selbst reagieren, wenn uns der Teller unter der Nase weggezogen werden würde? Na, fällt da nicht etwas auf? Der kleine Unterschied: WIR erlauben uns, unseren Unmut, unsere Gestimmtheit nach außen zu zeigen. Unseren Hunden verbieten wir das. Nehme ich dem Hund diese Form der Kommunikation, kann es sehr gut möglich sein, dass der Hund beim nächsten Mal ohne Vorwarnung (weil wir das ja unterbunden haben) sofort zuschnappt.

Das heißt nun nicht, dass das Knurren eines Hundes einfach so „hingenommen“ werden muss. ABER: ICH als Mensch muss mir überlegen, welchen Grund es dafür gab. Und ICH muss mir auch überlegen, wie ICH als Mensch daran arbeiten kann, dass es zu so einer Situation möglichst nicht mehr kommt.

Und da helfen keine Wurfketten, Wasserflaschen oder dergleichen, ebenso wenig wie Gewalt dem Hund gegenüber („Dem würde ich eine mitgeben!“). Was soll der Hund daraus lernen? Er kann NUR zwangsläufig lernen, dass sein Mensch nicht in der Lage ist, mit ihm zu kommunizieren, ihm etwas zu kommunizieren.

Um mit Hunden zu kommunizieren, braucht es weder Grobheiten, Gewalt oder aversive Mittel. Es braucht Verständnis, Wissen und Körpersprache. Hündisch mit dem Hund zu kommunizieren ist der Schlüssel. Es wird langsam aber sicher Zeit, sich endlich von den alten Zöpfen zu trennen. Den Zöpfen der Konditionierung, der Dressur!

Abschließend möchte ich meinem Entsetzen über den Umgangston in diversen Foren der sozialen Netzwerke Ausdruck verleihen. Es ist wirklich erstaunlich, wie angriffslustig, harsch und beleidigend viele hier sind. Woran liegt das? Kann es sein, dass das Ausdruck von Hilflosigkeit ist? Kann es Ausdruck von Neid sein? Liegt es an der grundlegend aggressiven Haltung mancher Menschen?

Ich weiß es nicht und kann es auch nicht nachvollziehen. Mich macht es traurig zu sehen, wie man heute miteinander umgeht. Kein Wunder, wenn unsere Hunde – Spiegel des Menschen – manche „Eigenart“ zeigen.

Aber es geht auch anders ....: