"Freude an einem Hund haben Sie erst, wenn Sie nicht versuchen, aus ihm einen halben Menschen zu machen. Ziehen Sie statt dessen doch einmal die Möglichkeit in Betracht, selbst zu einem halben Hund zu werden." (Edward Hoagland)

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Gut bewaffnet ist halb gewonnen!

Es ist 9.30 Uhr. Der anstehende Leinenführigkeitskurs startet in einer halben Stunde. Diese Zeit vorher nutze ich immer gerne, um den Hundeplatz vorzubereiten, Organisatorisches zu erledigen. So auch an diesem Tag. 
Das erste Kundenauto erscheint auf dem Parkplatz der Hundeschule – erst einmal nicht ungewöhnlich, dass Hundehalter früher kommen, da viele gerne noch die Spazierwege für ein entspanntes Gassigehen nutzen, bevor es losgeht. Hier scheint mir der Grund für das frühe Erscheinen jedoch ein anderer zu sein.
Aus dem silbernen Kombi steigt eine Dame aus, wandert einmal um ihr Auto herum und öffnet die Beifahrertür. Wie viel Platz auf dem Beifahrersitz wirklich ist, vermag ich nur zu vermuten. Es muss viel Platz sein… Denn, die Dame beginnt nun damit, ihre Ausrüstung herauszukramen. Und das ist nicht wenig. 
Als erstes schnell die Schuhe eingetauscht gegen ein paar Gummistiefel (wir haben übrigens Frühling und alles ist pupstrocken). Die Jacke noch schnell getauscht und gut verschlossen. Im weiteren Verlauf kramt die Frau eine Art Gürtel aus dem Auto, der jeden waschechten Cowboy vor Neid erblassen ließe. Dieser Gürtel nämlich hat es offensichtlich im wahrsten Sinne des Wortes in sich: eine Leckerlitasche, die noch aufgefüllt wird, einen integrierten Kacktütenspender, als solchen erkannt, weil sich aus selbigen eine ca. einen halben Meter lange Kackbeutelschlange zwängt und im Wind baumelt.
Damit aber noch nicht genug. An diesem Gürtel, den sich die Dame nun umgeschnallt hat, baumeln rechts Wurfscheiben und links zwei große Apportel. Mit einem weiteren Griff ins Auto – der Beifahrerraum muss wirklich groß sein – befördert sie nun eine Schleppleine heraus, die geschätzte 40 Meter haben dürfte, sieht man den riesen Berg nun vor ihr liegen. Die Schleppleine wickelt die Hundehalterin nun mit gekonntem Griff auf und hängt sie in scheinbar dafür vorgesehene Schlaufe an ihren Gürtel, der inzwischen schon ein beachtliches Gewicht bekommen haben dürfte.
„Jetzt müsste sie doch eigentlich alles haben“, denke ich noch, bevor weitere Utensilien hervorgezaubert werden. Eine Wasser-Spritz-Flasche, wie man sie von Hundeerziehungssendungen kennt, eine Pfeife, die sich die Dame um den Hals hängt, sowie Brustgeschirr und ein Hundehalsband. Mit einem letzten Griff befördert sie nun noch eine Leine aus dem Auto.
Endlich scheint notwendiges Material beisammen zu sein, denn besagte Hundehalterin begibt sich zu ihrem Kofferraum und öffnet diesen. Darin: ein Dalmatiner, der hibbelig und aufgeregt in seiner Box auf seine Freilassung wartet. 
Mit einem Schwall an gut gemeinten Argumenten versucht die Frau den Dalmatiner dazu zu bewegen, noch in der Box zu warten, was sich angesichts der vielen Dinge, die sie noch in den Händen hält, gar nicht so einfach ist. Schließlich gelingt es ihr, dem Dalmatiner das Halsband umzuschnallen und die Leine einzuhaken. Kaum geschehen, poltert Hundchen aus der Box und reißt um Haaresbreite im gleichen Atemzug der armen Frau fast den Arm aus.
Schnaufend kommt die Hundehalterin zu mir auf den Hundeplatz, in einer Hand die Leine des Hundes, in der anderen das Brustgeschirr. „So, wir sind nun startklar“, meint sie und ergänzt: „Ich hoffe, ich habe nichts vergessen.“ 
Etwas vergessen? Gibt der Hundefachhandel denn überhaupt noch viel mehr her? Auf meine Frage hin, ob sie das ganze Equipment sozusagen als Anker bzw. Gegengewicht zu ihrem Hund benötige, antwortet mir die Dame ganz erstaunt: „Na, das hab ich IMMER dabei. So gehe ich immer mit Fridolin. Im Auto hab ich noch ein Stachelhalsband, falls wir das brauchen. Der Fridolin zieht nämlich schon sehr arg an der Leine.“ 
Was soll ich sagen…. Ich habe der Hundehalterin erst einmal erklärt, dass Stachelwürger verboten sind, wir nicht mit aversiven Reizen wie Wurfschellen oder Wasserflasche arbeiten und auch keine Berge an Leckerli brauchen.
Mit dieser Geschichte – die sich im Übrigen GENAU SO ereignet hat – möchte ich mich nicht über Hundehalter lustig machen. Ich bin mir sicher, dass die Menschen nach bestem Wissen und Gewissen handeln und sich leider eben auch von dubiosen Erziehungstipps beeindrucken lassen, jedoch vergessen, dass sie ALLES dabei haben, was sie brauchen: SICH SELBST. Wozu x-tausend verschiedene Leinen, Halsbänder, Schreckmittel und dergleichen? Ich habe noch keinen Hund gesehen, der nur annähernd so ausgerüstet Kontakt mit einem Artgenossen aufnimmt. Unsere Stimme, Körperhaltung und vor allem Ausstrahlung ist alles, was wir im Umgang mit unseren Hunden brauchen. Glauben Sie mir: Hunde verstehen das!

halbgewonnen