"Freude an einem Hund haben Sie erst, wenn Sie nicht versuchen, aus ihm einen halben Menschen zu machen. Ziehen Sie statt dessen doch einmal die Möglichkeit in Betracht, selbst zu einem halben Hund zu werden." (Edward Hoagland)

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"Ich brauche dringend Hilfe"
 
„Ich brauche dringend Hilfe, mein Australian Shepherd stellt mir zu Hause alles auf den Kopf. Ich brauche dringend etwas zur Auslastung für ihn. Bieten Sie denn sowas an? Eventuell Agility?“, war die erste Frage, die mir eine (übrigens nicht die einzige) Hundehalterin stellte, als sie mich anrief.
Ist das wirklich so? Gibt es Rassen, die mehr ausgelastet werden müssen als andere? Braucht der Hund wirklich ein vom Menschen maßgeschneidertes Auslastungsprogramm, um zufrieden und glücklich zu sein? Das denken leider immer noch viele. Auch diverse Rassebeschreibungen, die in Büchern oder im Internet zu finden sind, schüren dieses alt hergebrachte Vorurteil. (Wikipedia: „Da der Australian Shepherd für die Hütearbeit gezüchtet wurde, gehören Hunde dieser Rasse nur in die Hände von aktiven, sportlichen Besitzern, die die Hunde beschäftigen und auslasten können. Eine rein körperliche Beschäftigung wie Spazierengehen oder Fahrradfahren reicht nicht aus, um einen Australian Shepherd zu fordern. Anspruchsvolle Aktivitäten beim Hundesport bieten sich zur physischen und mentalen Auslastung an.“)
Dabei ist – egal, welcher Rasse angehörig – ein Hund nichts anderes, als eben ein Hund. 
Man sollte sich vor Augen führen, dass ein Hund – abstammend vom Wolf – ein Jagdraubtier ist. Ein Jagdraubtier hat keinerlei Ambitionen, sich geistig oder körperlich auszulasten. Dies wird schlicht als Energieverschwendung angesehen. Was gibt es denn auch Schöneres, als sich nach erfolgreicher Jagd mit vollgeschlagenem Magen irgendwo unter einen Baum zu legen und zu dösen.
Ließen wir auch heute unsere Hunde einfach mehr Hund sein, dann hätten wir keine völlig überdrehten Aussis, keine rutenfangende Borders und Co. All das sind Folgen eines Zuviel an Auslastung. Seltsamerweise waren früher unsere Hunde völlig zufrieden damit, einfach Hund sein zu dürfen und seinem Menschen ein Sozialpartner. Auslastungsangebote sind Erfindungen der neuen Zeit. Gab es früher schlicht nicht.
Die Dame am Telefon kam dann auch – obwohl wir kein Agility in Form von Hundesport anbieten – tatsächlich in unsere Hundeschule. Der Aussi – wie auch nicht anders zu erwarten – völlig am Rad drehend, hibbelig und überhaupt nicht mehr ansprechbar. Selbstredend, dass dieser Hund selbst-verständlich „rassegerecht ausgelastet wurde“. Das Ergebnis war schlicht schockierend. Der Stresspegel, dem dieser Hund ausgesetzt war, war in meinen Augen tierschutzrelevant. Dem Hund war es schlicht nicht möglich, auch nur drei Sekunden ruhig zu stehen oder gar zu sitzen. Ständig auf „On“ zappelte er neben seinem Frauchen herum. Armes Tier! Das Training gestaltete sich für diese Hundebesitzerin dementsprechend auch nicht ganz einfach, weil es ohnehin kaum möglich war, die Aufmerksamkeit des Hundes zu bekommen und er kaum ansprechbar war. Während andere Hunde gelassen auf eine Aufgabe warteten, zappelte der „gut ausgelastete“ Aussi wie ein Fisch an der Leine herum. 
„Jetzt mach ich doch schon so viel mit ihm. Der wird aber auch einfach nicht müde“, war die Ent-schuldigung der Dame für das Verhalten ihres Hundes. Und genau DARIN lag der Fehler. Hunde, die keine Ruhe bekommen, können auch kaum mehr Ruhe finden. Mit ohnehin schon aufgeregten Hunden wird dann noch gejoggt, radgefahren usw., um sie „müde“ zu bekommen. Insgesamt aber kontraproduktiv, denn der Hund wird lediglich deutlich an Ausdauer und Kondition zulegen, jedoch kaum ruhiger werden.
Als die Dame nach zwei Wochen wiederkam, bot sich ein völlig anderes Bild: Ein gelassener und entspannter Hund an der Leine. Leicht abgehetzt entschuldigte sich die Hundehalterin bei mir, dass sie nicht ins Training kommen konnte, sie war mit Grippe komplett flach gelegen. „Das Schlimmste ist, dass ich rein gar nichts mit meiner armen Maus machen konnte. Ich habe so ein schlechtes Gewissen!“, jammerte sie und sah dabei ihren Hund mitleidig an.
Das war eindeutig nicht das Schlimmste, sondern das BESTE, was diesem Hund passieren konnte. Endlich bekam er die Ruhe, die er so dringend brauchte. Ließe man Hund Hund sein, dann würde er von 24 Stunden mindestens 16 Stunden (je nach Alter auch mehr) SCHLAFEN. Die restlichen 8 Stunden würde er nicht auf irgendwelchen Spielwiesen verbringen oder sich mit seinen Hundekumpels zwecks Auslastung zum „Joggen" treffen oder zum Lösen kniffeliger Intelligenzspielchen. Nein, er würde faul in der Gegend liegen, dösen, ab und an auf Streifzug gehen. Mehr nicht.
Aber leider lassen wir unsere Hunde viel zu wenig Hund sein…… Und wenn wir sie einmal Hund sein lassen, und sie endlich die Möglichkeit bekommen, ihrem Biorhythmus nachzugehen, plagt uns sofort das schlechte Gewissen, da sich Hundchen langweilt….
Natürlich spricht nichts dagegen, den Hund körperlich auszulasten, indem man ihn mit zum Joggen nimmt – im wohlüberlegten Maße. Man sollte nur bedenken, dass der Hund das nicht wirklich braucht, sondern vielmehr weil es uns Mensch Freude macht, gemeinsam mit unserem vierbeinigen Freund etwas zu unternehmen. 
Das, was oftmals bei der (gut gemeinten) Förderung von Kindern falsch läuft (Wochenprogramme, die kaum Platz lassen zum Luftholen), läuft auch oft genug bei der Hundehaltung falsch. 
Es wird Zeit, endlich diese alten Zöpfe abzuschneiden und wieder unseren gesunden Menschenverstand einzusetzen. Unsere Hunde haben schließlich keine Rassebeschreibungen gelesen….
 
Auslastung