"Freude an einem Hund haben Sie erst, wenn Sie nicht versuchen, aus ihm einen halben Menschen zu machen. Ziehen Sie statt dessen doch einmal die Möglichkeit in Betracht, selbst zu einem halben Hund zu werden." (Edward Hoagland)

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 
Streß macht krank...

Stress macht krank

Nein, keine neue Erkenntnis der Medizin, sondern lange bekannte Tatsache. Was vielleicht für den ein oder anderen neu sein könnte: Auch unsere Hunde werden durch Stress krank.
Und hier ist nicht der Stress gemeint, dem mancher Hund in der einen oder anderen Situation (z.B. Tierarztbesuch) ausgesetzt ist. Diesen Stress, der ja sehr kurzzeitig ist, kann unsere Fellnase durchaus verkraften. Genauso wie wir Menschen eine stressige Arbeitswoche vielleicht als belastend empfinden, jedoch daran nicht gleich krank werden.
Was krank macht, ist der Dauerstress. Und dem sind viele, sehr viele Hunde ausgesetzt. Täglich erlebe ich die unterschiedlichsten Hunde und deren Hundehalter. Der Weg führt die meisten aufgrund eines „Fehlverhaltens“ ihres Hundes zu mir. Die Hunde zeigen Aggressionen (v.a. Leinenaggression), pöbeln Artgenossen oder Menschen an, bellen scheinbar sinnlos in der Welt umher usw. Aus Sicht des Hundes gibt es jedoch IMMER einen Grund hinter seinem Verhalten. Kein Hund der Welt wird sinnlos durch die Gegend bellen – nur aus Spaß. Das hat mit Spaß oder Freude überhaupt nichts zu tun! Wie würden wir uns selbst denn fühlen, wenn wir schreiend durch die Welt laufen müssten? Mir jedenfalls würde das mit Sicherheit keinen Spaß machen, sondern viel mehr Stress.
Nun mag der ein oder andere sagen: „Na, dann muss Hundchen eben aufhören zu bellen.“ Sicherlich richtig, wenn Hundchen denn überhaupt KANN. Es gibt für Hunde IMMER eine Motivation hinter ihrem Tun. Hier geschieht nichts zufällig, sinnlos oder gar aus Trotz.
Der Grund für viele der vermeintlichen Fehlverhalten liegt – es sei denn, es gibt eine medizinische Ursache wie Tumore etc. – am anderen Ende der Leine. Nicht der Hund ist es, sondern der Mensch, der hier ganz offensichtlich etwas nicht richtig macht, und seinem Hund damit unbewusst eine Aufgabe überträgt, die er im Grunde gar nicht leisten kann. Und hier kommt der Faktor Stress ins Spiel.
Durch die falsche Sichtweise vieler Hundehalter (und nein, das ist kein Vorwurf), wird der vierbeinige Freund in eine Rolle gedrückt, in die er eigentlich von seiner Natur aus nicht gehört. Um es verständlicher zu machen, ziehe ich gerne Vergleiche mit unserer Menschenwelt. 
Man stelle sich vor, eine Firma mit 2000 Angestellten drückt eines Tages irgendeinem Mitarbeiter, der bis dahin vielleicht sehr gerne seine Arbeit in der Produktion verrichtet hat, die Rolle des Firmenchefs auf. Ab sofort ist dieser Mitarbeiter für die Führung von 2000 Angestellten zuständig. Was mag mit diesem Mitarbeiter wohl in einem oder zwei Jahren geschehen? Wie mag er sich wohl fühlen?
Ich bin mir sicher, sehr viele Leser kennen genau solche Menschen. Es sind oft Chefs, die impulsiv reagieren, die nicht hinter ihrer Entscheidung stehen können und bei jedem Widerstand – und sei er noch so klein – wie das berühmte Fähnchen im Wind umfallen. Es sind Chefs, die aufgrund ihrer völligen Überforderung und dem daraus resultierenden Stress nicht die angenehmsten Zeitgenossen sind, launisch gereizt durch die Gegend hetzen, müde und abgekämpft versuchen, sich ihrer Aufgabe zu stellen. Im privaten Bereich geht dieses Szenario weiter: Ehekrisen, Streit, Disharmonie im häuslichen Bereich. Nicht selten werden diese Menschen krank, erleiden einen Burnout, bekommen chronische Erkrankungen, Herzinfarkt,… Und warum das alles? Weil Dauerstress krank macht.
Genauso wie in unserer Menschenwelt ein geringerer Prozentsatz über ECHTE Führungsqualitäten verfügt und die Mehrheit eher zu den Mitarbeitern zählt, die dankbar sind über einen vorgegebenen Rahmen, über eine klare und souveräne Führung, genauso verhält es sich in der Hundewelt. Auch hier ist der Großteil der Hunde eher dem Typ Mitarbeiter zuzuteilen. 
Und hier ist nun schließlich auch der Knackpunkt dafür, dass viele unserer Hunde Dauerstress ausgesetzt sind: Sie werden von ihren Haltern in eine Rolle gedrückt, die nicht ihrer Natur entspricht. Wonach sich diese Hunde sehnen würden, um endlich aus diesem Dauerstress zu kommen, ist eine klare und souveräne Führung. 
Ich weiß, dass jetzt dem einen oder anderen der Begriff „Führung“ aufstoßen mag. Aber warum ist das so? Warum ist der Begriff so negativ behaftet? Liegt es vielleicht an eigenen Erfahrungen mit einem Chef, der im Grunde keine Führungskompetenz hat und daher – überfordert wie er nun einmal ist – ungerecht, launisch usw. ist?
ECHTE Führung kennzeichnet sich für mich durch Souveränität. Und souverän bin ich nur, wenn ich gelassen, friedvoll, ruhig und entschieden bin. Alles andere ist nicht souverän und ein „Chef“, der eben keiner ist.
Da ich es in meiner Arbeit mit den Menschen (und Hunden) täglich erlebe, weiß ich, dass KEIN EINZIGER Hundehalter seinen Hund absichtlich in die Rolle drückt, mit der er überfordert ist. Es liegt vielmehr an den vielen, vielen alten Erziehungsmethoden, an veraltetem Wissen, welches in Hundebüchern heute noch immer so weitergegeben wird, welches in den Medien noch immer so gezeigt wird. 
Der zweite Grund liegt meiner Erfahrung darin, dass viele Hundehalter aus Liebe zu ihrem Hund vergessen, dass ihr Hund nur und einzig allein eines ist: ein Hund. Und dessen Welt ist nun einmal eine völlig andere als die Menschenwelt. Ich als Hundehalter muss anfangen, die Welt des vierbeinigen Freundes WIRKLICH zu verstehen. Dann erst kann ich verstehen, was mein Hund von mir als sein Partner braucht, wo er meine Unterstützung, meine Führung benötigt.
Mit Leckerchen und Co, mit aversiven Trainingsmethoden oder Zwang KANN man KEINE FÜHRUNG erreichen. Die erreiche ich nur, wenn ich das Wesen Hund und dessen Bedürfnisse WIRKLICH verstehe.
Dauerstress macht Hunde krank. Und diesen Dauerstress verursachen nicht selten die Hundehalter selbst, indem sie ihren Hund eine Rolle überstülpen, ihm eine Führung – die ein Hund von seiner Natur aus nun einmal dringend braucht – verwehren. Wenn ich sehe, wie viele Hunde allein zu mir kommen, die eigentlich beim Tierarzt einziehen könnten, weil sie ohnehin mehr dort als zu Hause sind, dann tut mir das Herz weh. Diagnosen wie Futtermittelallergien, Magen-Darm-Probleme usw. zeigen deutlich, dass das Immunsystem des Hundes unter dem Dauerstress extrem leidet. Dass solche Hunde schneller, öfter, leichter krank werden, kein Wunder….
Mein Wunsch ist es, dass die Hundehalterwelt aufwacht, wieder anfängt, auf das Bauchgefühl zu hören, Trainingsmethoden zu hinterfragen und vor allem beginnt, den Hund als Hund zu sehen und ihm seiner Natur entsprechend zu behandeln. Eure Hunde danken es euch!